182 Tage on tour und die Reise geht weiter: 184 Tage
Carretera Austral 
Jetzt geht die Reise langsam weiter. Ein winziges Stück auf der Landkarte, Stunden um Stunden unterwegs. Es geht mit der Fähre durch traumhafte Fjordlandschaften mit mystischen Blicken durch tief wolkenverhangenen, langsam aufklarenden Himmel auf Gletscher und verschneite Vulkane. Später geht es weiter auf dschungelig zugewucherter Schotterpiste. Der hier sonst so übliche patagonische Regen beibt heute aus :-)

Straße, Fähre, Piste, Fähre, Piste, Fähre, Piste und schließlich das Ziel der ersten Etappe: Chaiten. Ein Ort der in 2008 vom Vulkan Chaiten mit einem Meter Asche überschüttet wurde. Ein Vulkan der angeblich seit hunderten von Jahren nicht aktiv war. Selbst kurz vor dem Ausbruch beteuerten Wissenschaftler noch, dass es sich hier um seismologische und nicht um vulkanische Aktivitäten handle. Die Menschen sind geflüchtet wohin sie auch immer konnten und haben alles zurückgelassen. Die Regierung wollte sie an einem anderen Ort wieder ansiedeln, aber ca. 80 der Einwohner sind entschlossen wieder in den Ort zurückgekehrt und haben damit begonnen ihre Häuser freizuschaufeln und alles von diesem feinsten Staub zu befreien. Es ist unglaublich - ich hätte schnell aufgegeben.

Auf den ersten Blick macht der Ort einen gewöhnlichen Eindruck. Erst auf der Suche nach einer Hospedaje merken wir, dass wir ständig vor verlassenen Geisterhäusern stehen.
Bitterkalt wird es am Abend. Die Unterkünfte sind eisig. Der einzig warme Raum in den Häusern ist meist die Küche, in der der Ofen gefeuert wird.
Unser 'Vertrauensmann' Nicholas geht mit seinen Kindern allabendlich ein Eis kaufen - das Highlight des Tages! Ich kann das nicht begreifen, bei der Kälte! Erst als er erzählt, dass sie hier seit kurzem, nach drei Jahren wieder Strom haben und es somit all die Jahre kein Eis gab, verstehe ich, was es für die Kinder bedeudet.
Die kleinen Läden im Dorf sind nur mit dem nötigsten bestückt und die Reise zur nächsten Stadt ist weit.

Mitten auf der Schotterpiste kurz vor Chaiten besagt ein Schild, man solle vor der Durchfahrt darauf achten ob gerade ein Flugzeug landet! Ein kleines Stück der Piste ist nämlich gleichzeitig die Landebahn – sehr spannend :-) Und somit gibt es die Möglichkeit auch etwas schneller in die nächste Stadt zu gelangen.

Nachdem das Eisritual erledigt ist, schlendern wir mit Nicholas durch das dunkle, kalte Dorf und überlegen, wer uns morgen zum Wandern zum Parque Pumalin und am Nachmittag zum Baden zu den heißen Quellen bringen kann. Er gibt sich noch i.d. Nacht alle Mühe jemanden für uns zu finden, klopft bei dieser und jener Familie am Haus und fragt und fährt schließlich noch mit uns raus aus dem Dorf zu Horacio, der dort bei Flutlicht fleißig eigenhändig ein paar wunderschöne Cabanas für Touristen baut. Der Zufahrtsweg wurde aus Vulkanasche aufgeschüttet. Viiieele Straßen könnte man aus der Asche aufschütten, die das Dorf verschüttet hat, denn irgendwo muss man ja hin mit all dem Zeug. Man kann sich so schwer vorstellen um welche Massen es sich hier handelt, wenn man es nicht eigenhändigt gesehen hat.
Horacio spricht prima Englisch, erzählt uns viel über die Gegend und den Tag des Vulkanausbruchs. Im Parque Pumalin wandern wir ein wenig, sehen die wundervollen unendlich alten Alerce Bäume mit ihrer schönen warmroten Farbe und dem so gut wie unkaputtbaren Holz. Es gibt herrliche Wasserfälle und mannshohe Rabarberpflanzen – ein dschungelig zugewuchertes Paradies.
Am Nachmittag beginnt es, wie gewünscht, zu regnen und wir baden genüsslich i.d. heißen Quellen.

Am nächsten Tag möchte ich weiter nach Puyuhuapi reisen, doch es geht nur bis La Junta, ca. 50km davor. Die Leute aus dem Dorf empfehlen mir dort die Polizei zu bitten mir ein Fahrzeug anzuhalten, welches mich dann bis Puyuhuapi mitnehmen kann. Die Idee finde ich toll :-) Wenn man dann aber vor La Junta auf der Schotterpiste steht und stundenlang meilenweit kein Fahrzeug sieht, kommt man mit dieser Idee auch nicht besonders weit... So verbringe ich eine Nacht bei einer freundlichen Familie im nicht besonders malerischen La Junta.

Es ist nasskalt, kalt und nochmal kalt. Am nächsten Morgen klingelt der Wecker um 4:20Uhr, da der einzige Bus früh Rtg. Puyuhuapi fährt.
Inzwischen habe ich vor lauter Kälte Fieber und Schüttelfrost und bin überglücklich endlich am Ziel, einem wunderschönen Fjord in einem wundervollen Hostel von der guten Luisa mit einer Wärmeflasche empfangen zu werden :-) Ihre Eltern zählten dort vor vielen Jahren als deutsche Einwanderer mit zu den ersten Siedlern. Sie hat tolle Geschichten zu erzählen und es ist ein guter Ort um sich ein paar Tage bei strömendem Regen im Bett vom Fieber zu kurieren.

Von Luisa herzlich gesund gepflegt geht es schließlich noch gute 200km weiter entlang der Carretera Austral bis Coyhaique. Erst entlang wundervoller Fjorde und schließlich wird die Landschaft weiter und ganz anders: Wiesen, abermals und abermals km-weit von lila Lupinen übersät - so unglaublich schön, dass ich die Augen garnicht weit genug aufreißen kann :-)
Das Ziel ist dann wieder weniger malerisch: ein trubeliges, eher graues Städtchen, was mir den Abschied von dieser tollen Strecke und den Weiterflug in den Süden leichter macht.


[ kommentieren ] ( 64 mal gelesen. )   |  Permanentlink  |   ( 3 / 4788 )

<Zur¨ck | 1 | 2 | 3 | Weiter> >>